CTM-Festival in Berlin: Lustiger, zärtlicher, härter



Was vor 20 Jahren als Festival für elektronisch interessierte Hausbesetzer, Hacker und Hedonisten der Berliner Nacht begann, sieht heute so anders aus wie die Hauptstadt in weiten Teilen auch. Diverser, globalisierter, härter an der Realität, gleichzeitig zärtlicher, feiner, lustiger und sogar stiller. Das zeigten die ersten beiden Tage und Nächte der 20. Ausgabe des CTM-Festivals, das noch bis zum 3. Februar auf vielen Bühne Berlins zu erleben sein wird.

Stiller: Das Duo Tarawangsawelas aus dem indonesischen Java spielten am Samstag eine Art Zither und eine zweisaitige Geige, unterstützt vom in Berlin lebenden libanesischen DJ Rabih Beaini. Einige Besucherinnen der Clubnacht vom Freitag ließen sich davon in den verdienten Powerschlummer entführen.

Diverser: Die DJs des Eröffnungswochenendes in der Panorama Bar, dem zweiten Floor des Berghain, sowie in der Grießmühle in Neukölln waren in der Regel nicht-weiß und eher wenig männlich. Und sie spielten eine schön wilde, dabei die Bewegungsmuskeln massierende Musik des Nicht-Einverstandenseins, die an den großen Technoklubs (noch) vorbeigeht.

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CTM-Festival in Berlin:
Alles im Flutsch

Lustiger, zärtlicher, härter: All dies und mehr vereinte der großartige Auftritt der queeren brasilianischen Performerin Linn da Quebrada plus Band, dazu später mehr.

Was mal Techno war, hat seine Unschuld verloren, dabei aber an Witz und Relevanz gewonnen. 20 Jahre fühlen sich manchmal wie ein halbes Jahrhundert an. Aber nicht für alle. Klaus Lederer, Berlins linker Kultursenator, ist seit Beginn beim CTM-Festival dabei, wie er zur offiziellen Eröffnung im Theater Hebbel am Ufer betonte. Vor 20 Jahren hieß die CTM noch Clubtransmediale und war die kleine, coole Schwester des Medienkunstfestivals Transmediale. Heute ist sie ein alternativer Leuchtturm der Hauptstadt, ein weithin wahrgenommener Termin für elektronische Musik jenseits des rein funktionalen Bummbumm. Entsprechend international ist die Klientel, oder „kosmopolitisch“, wie Klaus Lederer auf Deutsch sagte, was im Publikum viele nicht verstanden. Das war natürlich anders vor 20 Jahren, als Berlins Kulturleben noch deutlich deutscher aussah.

Rutschen kann auch Umfallen bedeuten

Lederers nicht so kosmopolitischer Auftritt ist wichtig, weil er bekennt, dass die Stadt das während zwei Jahrzehnten stets nur prekär finanzierte Festival wirklich haben will. Der neu geschaffene Festivalfonds aus den Mitteln der City Tax soll das Überleben sichern – oder endlich für angemessene Bezahlung der Macherinnen und Macher sorgen, wie Jan Rohlf sagte, einer der drei Festivalkuratoren. Allerdings wird eine Jury über den Verbleib der CTM im Fonds entscheiden, nicht Lederer, der in seiner Rede dem Gremium vorgriff und den CTM-Chefs fürs nächste Jahr mit dem jüngst vollendeten Kulturquartier Silent Green im Wedding gleich noch einen neuen Veranstaltungspartner nahelegte.

Die Jubiläumsausgabe der CTM ist mit „Persistence“ überschrieben, also Beharrlichkeit. Das trifft auf die Krisenfestigkeit des Festivals selbst zu, aber auch auf die hartnäckige Haltung, an experimentellen Formaten festzuhalten. Jan Rohlf betonte, in Sponsoring-gestählter Prosa, dass dazu auch die Vorläufigkeit und das Transitorische gehörten. In dieser Metaphorik des Verflüssigten und Gleitenden hat dann auch die kleine, fürs Publikum offene Eisbahn in der selten offenen Halle am Berghain Platz: Wechselnde DJs spielen täglich ab 16 Uhr, es gibt einen Schlittschuhverleih. Doch Rutschen kann eben auch Umfallen bedeuten: Die Plastikplatten, die Eis simulieren sollen, waren bei der Eröffnung am Freitag völlig ungeeignet für geschmeidige Runden. Es blieb bei der schönen Idee.

Bei aller Feier des Vorläufigen: Traditionen spielen durchaus eine Rolle bei der CTM. Im Berghain spielten DJs vom Bassiani, dem Club im georgischen Tiflis, der im vergangenen Mai von der Polizei unter Druck gesetzt wurde, ein Technobrett, das man in Berlin eher in den Neunzigerjahren zimmerte. In der zentralen CTM-Ausstellung im Kunstraum Bethanien treffen indes ältere, stabile Positionen der elektronisch inspirierten Kunst auf junge Künstlerinnen wie Tabita Rezaire, bei der in der Tat alles fließt – zwischen Postkolonialismus, Post-Internet und viel Esoterik. Schön seltsam übrigens.

„Man muss sich schon anschwuchteln“

Steht nicht also auch die Performance von Linn da Quebrada in einer langen Tradition, der des queeren Ballrooms nämlich? Weiter weg von der Realität einer Favela in Sao Paolo als das Berliner Festivalpublikum im HAU kann man kaum sein. Aber Kunst ist auch dazu da, solche Erfahrungen auf- und vorzuführen. Linn da Quebrada trägt erst eine Prince-Perücke, einen dunkel glitzernden Body mit hoch ausgeschnittenem Bein und Stiefel, während ihre ungleich massigere Performancepartnerin* Jup do Bairro in knappem rotem Latex steckt. Zwei DJs spielen ruppigen, oft von Hand manipulierten Baile-Funk, unterstützt von einer Perkussionistin, die blind auf die Beats reagiert. Wem diese Performance, queer hin oder her, zu pornografisch wird, wenn klebrige Dildos einander in den Mund gesteckt werden, kann noch immer dieser Band und ihren zwei Tänzer*innen zuschauen. Oder einfach tanzen.

Linn da Quebradas Kunst punktet auf vielen Ebenen: musikalisch, performativ, aber auch als Modell: Trotz Härte herrscht auf der Bühne ein zärtlicher Umgang. So nimmt man die selbstbewusste Message gerne nach Hause, wo auch immer es ist: Hey, Macho, du stehst vielleicht auf unser Aussehen, aber dein steifes Ding interessiert mich nicht. „You have to fag yourself up“, du musst dich schon anschwuchteln, wenn du was willst.


Noch bis 3. Februar: http://www.ctm-festival.de

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