Dokumentation „Chemnitz – Ein Jahr später“ – Ist rechts die neue Mitte?


„Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden.“ So ein Satz kann verheerend klingen, wenn er aus dem falschen Mund kommt.

Als am Donnerstagabend in einem Chemnitzer Kino eine Fernsehdokumentation über die Folgen der Ausschreitungen in der Stadt vor einem Jahr vorgestellt und diskutiert wurde, kam er aus dem denkbar falschesten Mund: Der da so jovial seinen Segen erteilte, war das Ex-Pro-Chemnitz-Mitglied Arthur Österle.

Österle arbeitete letztes Jahr als Ordner für die Organisation Pro Chemnitz (mehr dazu finden Sie hier), die im August 2018 jene Aufmärsche in der Stadt initiierte, bei denen etliche Rechtsextremisten und Neonazi-Hooligans ihrem Hass auf Ausländer freien Lauf ließen. Inzwischen ist Österle bei der AfD. Eigentlich sollte er am Donnerstagabend an einer Podiumsdiskussion zu dem Film teilnehmen. Weil sich aber die anderen eingeladenen Diskutanten weigerten, mit ihm auf dem Podium zu sitzen, wurde die Gesprächsrunde abgesagt. Als Ersatz standen Redakteure und Programmverantwortliche für einen Dialog mit dem Publikum bereit.

Hipsterbart und warme Worte von rechts

Und führten doch erst mal einen Dialog mit Österle, der nun einfach aus dem Publikum heraus um das Mikro bat und es auch bekam. Österle sieht mit seinem langen Bart und Undercut-Haarschnitt wie ein Hipster-Barista aus Berlin-Mitte aus, er ist ein gutes Beispiel dafür, in welchen Verkleidungen der Rechtsextremismus heute daherkommt.

Gerne verwendet er das Wort Demokratie, so auch an diesem Abend, an dem er den Fernsehleuten auf dem Podium salbungsvoll dafür dankte, dass sie mit ihrem Stadtporträt „den demokratischen Aufbruch“ wagen, weil sie gleichberechtigt Figuren aus verschiedenen politischen und kulturellen Ecken zu Wort kommen lassen.

Genau das aber, so finden einige im Publikum, ist ein großes Problem. Ein Zuschauer empört sich gegenüber den MDR-Leuten auf dem Podium: „Es ist nicht richtig, diesen Leuten so viel Spielraum zu geben. Diese Leute haben der Stadt geschadet.“

In Richtung Österle zürnt der Mann, dass er diesen gesehen habe, wie er die Aufmarschierenden zu Gewalttaten angestachelt habe. Wie könnten, so seine Beschwerde, die Fernsehleute so einem ein Forum bieten? Die Antwort der für den Film verantwortlichen Redakteurin: Man habe ein möglichst großes Spektrum an Meinungen abbilden wollen.

Im Video: Die Krawalle von Chemnitz – ein Jahr danach

Tatsächlich zeigt „Chemnitz – ein Jahr danach“ die Nachwirkungen der Ereignisse vom August 2018 aus unterschiedlichen Perspektiven. Etwa aus der einer angehenden Krankenschwester, die bei den jungen Grünen aktiv ist und gegen Nazis demonstriert. Oder aus der eines Gastronoms, der in seinem Restaurant alte deutsche Küche anbietet und über die gefühlte Bedrohung seiner Gäste in der objektiv sehr sicheren Innenstadt von Chemnitz raunt. Oder aus der eines jungen Unternehmers, der die Überalterung problematisiert; 46,5 Jahre alt ist der Durchschnitts-Chemnitzer angeblich, älter als der Durchschnittsbewohner jeder anderen deutschen Großstadt.

Wenig von Versöhnung im Saal zu merken

Aber kommt man durch so ein Nebeneinanderstellen unterschiedlicher Menschen denn überhaupt dem Kern des Problems nahe? Und will man überhaupt, dass alle Figuren irgendwie gleichberechtigt vor der Kamera ihrem Leben nachgehen und ihre Ideen ausbreiten? Hochproblematisch wird diese Parallelkonstruktion spätestens, wenn man sieht, wie Arthur Österle mit seiner Lebensgefährtin fröhlich im Kleinwagen mit Riesenleiter durch die Vororte düst, um Plakate für die AfD zu kleben. Und gleichzeitig eine syrische Familie dabei begleitet, wie sie sich in Hamburg von ihren Chemnitzer Traumata erholt. Spätestens an dieser Stelle wünscht man, dass sich der Film für eine klare Erzählposition entschieden hätte.

Die MDR-Doku aber – die am 26. August, dem Jahrestag der Ausschreitungen, in der ARD läuft – vermeidet diese klare Position, so als wolle sie irgendwie allen gezeigten Protagonisten gerecht werden, um sie so doch noch miteinander zu versöhnen.

Von Versöhnung aber war im Kinosaal nichts zu spüren. In höchster Alarmbereitschaft verfolgte die Security das Geschehen, potenzielle Störer wurden hart angegangen. Die Auseinandersetzungen waren zum Teil heftig; gestritten wurde auch darüber, wer oder was denn nun das wahre Chemnitz sei. Ein Redner stellte sich als „62-jähriger Karl-Marx-Städter“ vor und klagte über den Film: „Mir ist die bürgerliche Mitte zu kurz gekommen.“ Die MDR-Redakteurin erwiderte: „Wir nehmen sehr subjektiv wahr, was die bürgerliche Mitte ist.“

„Ihnen hätte ich nicht so gern das letzte Wort gegeben“ – er bekam es trotzdem

Wie recht sie damit hat, zeigte sich im Anschluss, als sich ein anderer Zuschauer zu Wort meldete und anmerkte, dass der Vorredner über eine Nähe zu Pro Chemnitz verfüge, also wohl kaum die bürgerliche Mitte verkörpere. Eine Aussage, die der andere als wahr bestätigte und die deutlich macht, wie die extreme Rechte in Chemnitz sich selbst als neue Mitte zu verkaufen versucht. Sie tut das inzwischen offenbar sehr viel eleganter als mit dem dosenbierverstärkten „Wir sind das Volk“-Gekrähe vom August letzten Jahres.

Als sich ganz am Ende zum wiederholten Male der rechte Hipsterbartträger Österle ans Mikro stellte, sagte die Moderatorin noch: „Ihnen hätte ich nicht so gern das letzte Wort gegeben.“ Er bekam es dann aber doch und bat darum, dass man nicht alles glauben solle, was über ihn gesagt werde. Es ist nicht davon auszugehen, dass der MDR mit dieser Veranstaltung glücklich war.


„Chemnitz – ein Jahr danach“, Montag, 26. August, 22.45 Uhr, ARD

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