Lars Eidinger in „Peer Gynt“: Wie geil bin ich denn!

Zuletzt blickte Lars Eidinger in die Kamera wie ein angeschossener Hirsch. Mit einer von ihm selbst und dem Designer Philipp Bree entworfenen Leder-Designertasche, die einer Aldi-Plastiktüte nicht unähnlich ist, ließ er sich vor Obdachlosen-Schlafstätten fotografieren.

Darüber regten sich ein einige Menschen furchtbar auf. Darf dieser Künstlertyp ein (von einem älteren Balenciaga-Modell inspiriertes) Modeteil zum Ladenpreis von angeblich 500 Euro vor einem Armen-Nachtlager präsentieren? Eidinger, generell nicht unbedingt ein schweigsamer Mensch, nutzte die Gelegenheit, um ein paar Interviews zu geben und viele weitere Fotos eines weidwund dreinblickenden, im Shabbylook gekleideten Herrn Eidinger in Zeitungen, Magazine und Internetkanäle zu komplimentieren.

Für Berlin-Bewohner ist Lars Eidinger offensichtlich ein Superstar. Die neuen Berlinale-Chefs zum Beispiel nennen ihn in einem Satz mit Helen Mirren und Jeremy Irons, wenn es um die Prominenz beim Filmfestival geht. Für Menschen von außerhalb, zu denen ich gehöre, ist Eidinger ein lustig bleicher, lulatschgroßer Schauspielkünstler mit einer nicht immer erwiderten Liebe zu vielerlei Disziplinen: Eidinger tritt als DJ auf und spielt in Filmen mit, oft in einer Hauptrolle. In „Alle Anderen“ (2009) zum Beispiel war er super, in „Mackie Messer – Der Dreigroschenfilm“ (2018) war er ein Desaster.

Wieder sein bloßes Hinterteil

Eidinger ist auch als bildender Künstler zugange und zeigte 2019 in Aachen eine Ausstellung mit Bildern und Videos. Und er ist dicke mit vielen Kreativen. Mit den Musikern von Deichkind und mit dem Fotografen Jürgen Teller zum Beispiel. Er hat mit der Künstlerin Oda Jaune eine Fernsehsendung gemacht. Und selbst Micky Beisenherz hat schon mal von dem „nahbaren Weltstar“ Eidinger gehört, jedenfalls stammt von Beisenherz der Satz: „Dass Eidinger gern und oft sein blankes Hinterteil präsentiert, ist hinlänglich bekannt.“

In der Berliner Schaubühne zeigt Lars Eidinger unter dem Titel „Peer Gynt“ jetzt wieder sein bloßes Hinterteil. Vielen Leuten ist möglicherweise nicht bekannt, dass der Selbstdarstellungskünstler Eidinger gar nicht hauptberuflich Verwalter der eifrig besuchten Instagram- und Facebook-Auftritte von Lars Eidinger ist, aber im Hauptberuf ist Eidinger tatsächlich Theaterschauspieler an der Berliner Schaubühne.

Die Titelhelden in „Richard III.“ und in „Hamlet“ von William Shakespeare, die er unter Anleitung des Regisseurs Thomas Ostermeier einstudieren durfte, hat er schon vielen Berlin-Touristen und Einheimischen vorgespielt. Die meisten waren beeindruckt. Theaterkritikerinnen und -kritiker urteilten nicht alle so begeistert.

Am Mittwochabend ist Eidinger nun in der Schaubühne erst mal mit und als „Peer Gynt“ aufgetreten. Diesmal hat er selbst Regie geführt, gemeinsam mit dem bildenden Künstler John Bock. Eidinger steht zweieinviertel Stunden lang praktisch immer allein auf der Bühne. Und er präsentiert sich in vielen ulkigen Verkleidungen, unter denen ein über den Kopf gestülpter Holzstuhl mit fehlender Sitzfläche und eine weiße Unterhose die zentralen Rollen spielen. Eidingers Hinterteil hat eher eine Nebenrolle.

In „Peer Gynt“ rotiert der Planet Eidinger wunderhübsch um sich selbst. Die Stückvorlage ist ein „dramatisches Gedicht“ von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1867, der Programmzettel verspricht ein topmodernes „Taten-Drang-Drama von John Bock und Lars Eidinger“. „Peer Gynt“ handelt von der Suche eines Mannes nach sich selbst. Der Titelheld ist ein norwegischer Bauernsohn, der durch die halbe Welt stromert, viele Abenteuer erlebt und sehr viel darüber nachdenkt, was es nur sein könne, das ihn im Innersten ausmacht. Peer Gynt stößt irgendwann auf das Sinnbild einer Zwiebel, die viele Schalen hat und keinen Kern. Warum ist das ein guter Stoff für Lars Eidinger?

Peer Gynt schwindelt, blendet und sagt immer nur „ich“

Weil Peer Gynt einer ist, der hemmungslos schwindelt, blendet und immer nur „ich“ sagt. Einer, den kluge Interpreten mit Jesus verglichen haben und mit Ahasver, mit dem Doktor Faust und mit Till Eulenspiegel. Lauter Figuren, die nach einem Darsteller wie Eidinger verlangen. Auf der Bühne in Berlin hat Eidinger am Mittwochabend keine Zwiebel in der Hand, sondern eine Peperoni. Er nennt sie „Peer-Peroni“. Er legt den Titelhelden nicht so sehr als Messias an, er spielt ihn halb als Ziggy Stardust und halb als Forrest Gump. Oft spricht er Texte von Ibsen, einmal von Bertolt Brecht. Im Grunde inszenieren Bock und Eidinger hier einen kreischverrückten Kindergeburtstag. 

Das Bühnenbild ist ein Abenteuerspielplatz. John Bock hat einen vier Meter hohen Kuschel-Elefanten auf die Schaubühnendrehscheibe gestellt, der aus lauter verschiedenfarbigen, komisch gemusterten Stoffwürsten und -wülsten zusammengenäht ist. Der Elefantenrüssel ist ein Saugrohr und führt in eine Art Labor mit einem strohgefüllten Ofen, einem Bügelbrett, einem Melkgeschirr für Kühe und allerhand Röhren, durch die auch mal Flüssigkeit blubbert.

John Bock ist ein großer Humorist des Kunstbetriebs, er lässt den Helden Gynt auch mal vor einer Bluescreen-Wand Faxen machen und die Videobilder auf eine große Leinwand zaubern, auf der ein Porno läuft. Zu Beginn des Theaterabends zeigt die Leinwand, wie sich der Schauspieler Eidinger hinter der Bühne als Clown schminkt. Der Joker hat das Gebäude geentert. Ja, Eidinger traut sich was – wer zur Hölle ist Joaquin Phoenix aus Hollywood gegen Eidingers Lars aus Berlin?

Tatsächlich besteht der „Peer Gynt“ von Bock und Eidinger aus lauter Mutproben. Kriegt Eidinger es hin, als Troll in einem von drei Frauen bestrittenen Porno rumzuhüpfen? Kann er eine menschengroße braune Stoffbratwurst um die Lenden tragen? Trinkt er wirklich einen Sud aus im Mixgerät zerhäckselten Wiener Würstchen, ohne sich zu übergeben? Kriecht Eidinger echt in den Mutterbauch des Elefanten und baumelt an einer Nabelschnur wieder heraus?

Es sind Dutzende von himmelschreiend lustigen Einfällen, die sich hier aneinanderreihen, manche sind kluge Verweise auf die Geheimnisse der Kunstfigur Peer Gynt, viele sind schierer Nonsens. Immer scheint der Mann im Mittelpunkt zu frohlocken: Wie geil bin ich denn! Weil Peer Gynt Norweger ist, singt Eidinger auch mal „Hunting High And Low“ von der norwegischen Band A-ha.

Einen kleinen Einwand gegen diese irre Party muss man formulieren dürfen. Sie tanzt immerzu auf der Stelle. Es geht nichts voran und nichts kolossal zu Bruch in dieser völlig undramatischen Veranstaltung, in der der Titelheld emblematisch verkündet: „Vor und zurück ist gleich weit.“ Der „Peer Gynt“ von Bock und Eidinger ist eine Ausstellung, die immer um den gleichen Nabel kreist. Wem der wohl gehört?

Icon: Der Spiegel

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