Maybrit Illner: Familie ist ein Armutsrisiko


Da sitzen sechs Menschen um einen Tisch und reden. Über ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Kontrovers, aber krawallfrei. Duelle bleiben aus, desgleichen verbale Schläge über die Gürtellinie. Niemand faucht: „Lassen sie mich mal ausreden, ja?“. Bisweilen wirkt irritierend zielführend, was hier besprochen wird, über die Grenzen von Partei und Weltanschauung hinweg. Leute fragen nach, weil sie etwas „gerne wissen“ würden oder „noch nicht kennen“. Dann wird es ihnen geduldig erklärt.

Es war, als sendete Maybrit Illner an diesem Abend aus einem Paralleluniversum.

Quantenphysiker streiten noch, mit welchen technischen Mitteln sie das bewerkstelligt hat. Dabei genügt ein Blich auf die Gästeliste. Es diskutierten vier Frauen, mit der Moderatorin sogar fünf, und nur ein einziger Mann – der prompt „als der einzige Mann in der Runde“ signalisiert, dass er seine Rolle als Quotengast reflektiert hat: „Ist ja oft andersrum“.

Allerdings ging es um ein Thema, das noch immer als „klassisches Frauenthema“ apostrophiert ist, womit wir schon mitten im Thema mit all seinen Problemen wären: „Armutsrisiko Kinder – heute Eltern, morgen arm?“ Also um „Familie und das ganze Gedöns“, wie ein SPD-Kanzler das mal nannte.

Ungewöhnlich auch die Verteilung der Rollen. Mit der zuständigen Ministerin Franziska Giffey und der Soziologin Jutta Allmendinger gleich zwei Stimmen für die SPD. Mit der Unternehmerin Marie-Christine Ostermann und dem Rentenexperten Johannes Vogel gleich zwei Stimmen für die FDP. Mit Fee Linke als Stimme der Alleinerziehenden.

Auf der Suche nach einer Stimme für das konservative Familienbild ist die Redaktion bei der Union offenbar nicht fündig geworden. Den Platz nahm daher Iris Dworeck-Danielowski ein, familienpolitische Sprecherin der AfD in Nordrhein-Westfalen. Keine pöbelnde Krawallschachtel. Dafür eine Frau mit sehr traditionellen Ansichten.

Die Rollenverteilung in der Partnerschaft muss neu gedacht werden

Weil Gesetze neuerdings hoffnungsfroh nach ihren Intentionen benannt sind, gibt es das „Starke-Familien-Gesetz“ und das „Gute-KiTa-Gesetz“. Franziska Giffey erklärt beide gern, die Gesetze tragen schließlich ihre Handschrift. Parteigenossin Allmendinger nickt.

Johannes Vogel anerkennt den guten Willen, würde aber gerne das „Wirrwarr“ der Zuständigkeiten entwirren. Mit einem einheitlichen „Kinderchancengeld“, für das die Bürger nicht mehr „von Amt zu Amt geschickt“ werden. Man müsse „mal einen großen Wurf machen und die Sozialpolitik modernisieren“, meint Vogel. Klingt gut und wäre gewiss längst Realität, wenn die FDP gewagt hätte, sich an der Regierung zu beteiligen.

Einig ist sich die Runde darüber, was einer akzeptablen Lösung im Wege steht. Die Rollenverteilung innerhalb der Partnerschaft. Wer geht arbeiten, wer kümmert sich ums Kind? Dazu die mangelnde Infrastruktur. Wo kein Kindergarten, da keine Vollzeitbeschäftigung beider Elternteile.

Anreizsystem, um Mütter von der Arbeit abzuhalten

„Warum ist das so schwer?“, will Illner wissen: „Wer steht da auf der Bremse?“. Allmendinger und Giffey erklären unisono: „Wir sind’s nicht!“, und von der Union ist ja niemand eingeladen. Also übernimmt Dworeck-Danielowski. Die Rede von der Wahlfreiheit sei schön und gut, aber nichts mehr wert, wenn nun einmal „die Miete, die Raten fürs Auto“ bezahlt werden müssten.

Damit ist sie gar nicht mal so weit entfernt von Jutta Allmendiger, die den gleichen Sachverhalt nur anders ausdrückt. Sie nennt das Ehegattensplitting als Beispiel für ein „unglaubliches Anreizsystem, dass die Mütter weniger arbeiten“ als die tendenziell älteren, tendenziell mehr verdienenden Väter. So durchdrängten „rein ökonomische Verhandlungsprinzipien“ bereits die Familie.

Neben der finanziellen Armut nimmt Allmendinger dankenswerterweise „auch die Bildungsarmut“ in den Blick – ein Problem, das neben den Kindern vor allem alleinerziehende Mütter beträfe. Als „arm“ gelten in Deutschland derzeit rund 2,7 Millionen Kinder aus Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens.

Wer steht der bei der Steuerreform auf der Bremse?

Auch Ostermann kennt es aus ihrem Alltag als Chefin, dass „Frauen oft nur in Teilzeit zurückkommen wollen“. Das sei verständlich, aber beim derzeitigen Fachkräftemangel schädlich „für unser Unternehmen, den Arbeitsmarkt“. Wichtig wäre, „dass Frauen und Männer auch in Vollzeit in den Beruf zurückkommen“.

Vogel nickt zustimmend, Allmendinger sieht das und würde gerne wissen, welche Anreize die FDP im Sinn habe, Männer zur Teilzeit zu motivieren. Vogel nennt unter anderem eine Abschaffung der Steuerklasse 5. Ein weiterer Punkt, bei dem sich alle einig sind. Tolle Idee! Aber irgendwer steht auf der Bremse, wer könnte das nur sein?

Die AfD ist es nicht, die ist Opposition. Was hat die denn eigentlich so für Ansichten, wenn es um Betreuung und Familienpolitik geht? Auftritt Beatrix von Storch, deren einschlägige Aussagen per Einspieler zitiert werden. Darin äußert Storch ihre angebliche Befürchtung, der Staat wolle „die Mütter abschaffen“ und deren Liebe durch „Ganztagsindoktrination“ ersetzen.

Die AfD will nur für die „normalen“ Familien da sein

Dworeck-Danielowski, die sich zu dieser bildungsarmen Rhetorik verhalten muss, winkt genervt ab. Die Beatrix von Storch habe gar keine Kinder und wohl auch noch nie eine Kita von innen gesehen, also: „Was soll der Quatsch?“. Illner hakt nach und fragt, ob sich denn die AfD nicht auch um schwule und lesbische Eltern kümmern müsse.

Nein, meint Dworeck-Danielowski, dafür gebe es doch schon die Grünen oder die SPD: „Wir sind die Partei, die sich um die normalen Familien kümmert“. Allmendinger stellt fest, Schwule und Lesben und deren Kinder seien „auch normale Familien“.

Nicht einmal darüber wurde an diesem Abend gezankt.

Vielleicht sollte künftig häufiger in testosteronarmen Konstellationen getalkt werden, gerne auch mal über weniger „weiche“ Themen. Einen Versuch wäre es wert.

Vielleicht gefällt dir auch