Neue Bilder von Wolfgang Tillmans: Jeder Tag könnte der erste sein

Wolfgang Tillmans ist ein Künstler, in dessen Bildern man stets die Möglichkeit des Aufbruchs spürt. Jeder Tag scheint für ihn das Datum eines potenziellen Neuanfangs, der den Rest des Lebens verändern könnte. Für den Betrachter einzelner Bilder wird das nicht sofort offenbar – schließlich wechseln sich ruhige Großaufnahmen von Körperteilen wie etwa Achselhöhlen oder Hautfalten ab mit Stillleben von Blumen oder aufgeschnittenem Obst. Im Zusammenspiel fixieren sie aber nicht nur die Zeit, zeigen, was ist – sondern versprechen auch mehr.

Außerdem kennt man Tillmans natürlich seit den Neunzigerjahren für die Porträts von Freunden und ihm unbekannten Menschen auf Partys und in der Natur – diese Bilder haben seinen Ruhm begründet, weil er wie selten zuvor ein Fotograf ein Lebensgefühl einfing. Seitdem ist er einer der bedeutendsten und teuersten Fotografen weltweit, er prägte den Look der globalen Popkultur und der Kunstfotografie und erhielt als erster Deutscher den wichtigen britischen Turner-Preis.

Wer nun Tillmans neues Buch „Today is the first Day“ (Verlag Walther König) aufschlägt, dem wird klar, wie offen und bereit zur ständigen Veränderung jemand sein muss, der ein so riesiges Oeuvre präsentiert. Anlass für die Veröffentlichung ist eine aktuelle Schau in Brüssel. Aus dem vielleicht ursprünglich geplanten Katalog zur Ausstellung ist ein Mammut-Künstlerbuch geworden.

Der Band zeigt so umfassend alle Betätigungsfelder Tillmans nebeneinander, dass es sich wie eine 500-Seiten-Rechtfertigung durchblättert – dafür, dass er stets weiter auf der Suche bleibt nach den Zeichen und Strukturen der Welt.

Fotos, Songtexte, Ausstellungspläne

Allein an neuem fotografischem Output ist das schon wahnsinnig viel. Und dann kommen im Buch noch Songtexte seiner Band Fragile hinzu. Man sieht Tillmans im Berliner Berghain oder in der Londoner Tate Modern vor dem Mikrofon. Vorher, auch das zeigen mehrere Abbildungen, hatte er sich sorgfältigst dem Licht für die Konzerte gewidmet.

Das Buch gibt auch einen Einblick, wie Tillmans seine Ausstellungen hängen lässt, denn dieser Arbeit widmet er viel Zeit und Aufmerksamkeit. Auch in seinem Atelier, dort hängt er immer wieder Bilder auf und ab, manchmal kostet es Jahre, um zu sehen, ob sie etwas taugen, erzählte Tillmans dem Kunstmagazin „ART“.

Im Buch zeigen Installationspläne und Ansichten von Schauen in Kinshasa, Hong Kong und Johannesburg die typische Tillmans-Verteilung, wie zufällig über die Wände gestreut. Dabei kombiniert er große abstrakte Bilder mit kleinen Abzügen von Stillleben oder Porträts, einiges bleibt dabei ohne Rahmen, als sei alles noch im Prozess.   

Schauen, Auftritte und Kampagnen der vergangenen Jahre werden nochmal aufgerollt. Man sieht Tischcollagen von Muscheln und Kieselsteinen im Hamburger Kunstverein, wie er Abstraktes und Figürliches in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel kombinierte, die legendären Partybilder zuletzt im C/O Berlin, die Bühnenbilder für die English National Opera und eine politische Plakatserie gegen den Brexit.

Bilder, Bühnen, Konzepte, Konzerte – ist alles gleich gut, nur weil Tillmans es macht? Vielleicht nicht. Aber er widmet sich allen seinen Feldern mit Präzision und Hingabe und bleibt dabei offen für noch mehr. Deshalb ist „Today is the First Day“ auch ein Versprechen, denn jeder Tag ist auch der erste Tag für die restlichen Bilder, die er schaffen wird.

Ausstellung: „Wolfgang Tillmans: Today is the First Day“, WIELS, Brüssel, bis 24.5.

Icon: Der Spiegel

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