Polizeiruf 110 „Totes Rennen“ aus Magdeburg: Schmieren und Abschmieren

Ein Teamplayer war sie nie. Zwei ranggleiche Kollegen und einen Polizeipsychologen hat Kriminalhauptkommissarin Doreen Brasch in nur elf Folgen Magdeburger „Polizeiruf“ verschlissen, in keinem anderen Fernsehrevier ist die personelle Fluktuation höher.

Die Schauspieler Sylvester Groth, Matthias Matschke und Steven Scharf kamen und gingen, Brasch-Darstellerin Claudia Michelsen blieb. Hinter den Kulissen soll es oft Ärger gegeben haben, vor der Kamera suchte man Harmonie ebenfalls vergeblich. In der Rolle von Brasch trat Michelsen zunehmend verhaltensauffällig, absturzgefährdet und misanthrop auf.

So gesehen ist es eigentlich nur konsequent, dass die Figur in ihrer zwölften „Polizeiruf“-Episode solo unterwegs ist. In einer besonders aufwühlenden Szene sieht man sie in einem Wettbüro vor einem Spielautomaten, der schon nach dem ersten Knopfdruck klimpernd Kleingeld ausspuckt. Brasch reißt verzückt die Augen auf und verbringt mit dem Automaten die Nacht. Mit Maschinen kann sie besser als mit Menschen.

Die aktuelle „Polizeiruf“-Folge spielt über weite Strecken in einem Wettbüro mit Automatenbetrieb, es geht um das Thema manipulierte Sportwetten. Am Ufer der Elbe nahe der Galopprennbahn wurde die Leiche eines Mannes gefunden, der offenbar der Spielsucht verfallen war, vor allem Pferdewetten ließen ihn die Welt um ihn herum vergessen.

„Betreten Sie diese Welt nicht!“

Es ist ein smarter Dreh, die Ermittler-Egomanin kurz und knapp die Abwärtsbewegung eines Spieljunkies nachahmen zu lassen. „Totes Rennen“ (Buch: Stefan Dähnert, Lion H. Lau) kommt phasenweise versatzstückhaft daher, aber es gibt interessante Einzelszenen und Dialoge. Regisseur Torsten C. Fischer, der auch schon für die Magdeburger Episode über eine unter Mordverdacht stehende Transfrau eine gute Farbe und einen guten Tonfall fand, setzt seine Ermittler-Antiheldin im Neonlicht des lila Wettbüro-Interieurs in Szene.

Die Menschen, denen Brasch in dieser Parallelwelt begegnet, ziehen sie eher noch tiefer hinein, als dass sie ihr beim Ausstieg helfen. Da ist zum Beispiel ein LKA-Ermittler (Michael Maertens), der schon länger hinter der Wettmafia her ist und mahnt: „Betreten Sie diese Welt nicht! Das Risiko ist das, was den Adrenalinspiegel in die Höhe treibt.“ Was als Warnung gemeint ist, klingt in den Ohren von Brasch wie Werbung.

Der LKA-Mann ist also keine große Hilfe, eher im Gegenteil. Und so muss Brasch allein undercover forschen. Irgendwann steht da dann ein lurchartiger Kerl vor ihr, der ihr erklärt, wie das mit den geschmierten Sportwetten läuft. Die Figur wird vom Kleinganovendarsteller Martin Semmelrogge gespielt, bei dem man sich über jeden Auftritt freut (Hören Sie hier eine Hymne auf ihn von der Band Stunde X). Semmelrogge beherrscht das Raunen besser als der Typ im Trenchcoat, der einem in der „Sesamstraße“ das A verkaufen will. Wer könnte besser folgenden Checker-Dialog sprechen:

Kleinganove: „Ich wette nur da, wo ich früher selber geschoben habe. Es gibt immer Sportler, die dringend Geld brauchen.“

Kommissarin: „Und Pferdesport?“

Kleinganove: „Pferdesport ist im Arsch. Es geht nur noch um Ausverkauf.“

Kommissarin: „Und dann kommst du?“

Kleinganove: „Schmieren machen andere, ich wette drauf. Wieder andere bringen das Geld zum Wachsen.“

Schon Semmelrogge lohnt das Einschalten. Er verkörpert noch immer das wandelnde Zwielicht und passt sehr gut in diesen handlungstechnisch wackeligen, aber atmosphärisch dichten Spieler-Thriller. Ein „Polizeiruf“ zwischen schmieren und abschmieren, Neonlicht und Nachtschwärze, der die Frage aufwirft, wie lange Claudia Michelsen als Doreen Brasch eigentlich solche Solo-Exzesse aushalten kann.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

„Polizeiruf 110: Totes Rennen“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Icon: Der Spiegel

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